Ursulaschule Osnabrück

rss

Slumtourismus

Im Fach Erdkunde hat sich die Klasse 9a bereits vor der Corona-Zeit mit dem Thema „Indien“ beschäftigt. In den letzten Wochen wurde das Thema im Home-Learning vertieft und die Schülerinnen und Schüler haben sich unter anderem mit der Stadt Mumbai auseinandergesetzt. In dieser Stadt treffen, wie in vielen Teilen Indiens, die Gegensätze von Arm und Reich aufeinander. Die Schülerin Sophie Borgelt hat zum Thema „Slumtourismus“ einen spannenden Essay geschrieben.

Slumtourismus – kulturelle Abenteuerjagd oder Entwicklungshilfe?

Slums, Orte der Verwesung, des Elends und der Armut. Und doch sind sie das Zuhause von Millionen Menschen auf dieser Welt. Zwischen Wellblechhütten, Ratten, Hitze, Gestank und Ungeziefer verbringen verarmte Familien Tag für Tag ihr Leben, wachsen Kinder neben sterbenden Menschen auf. Kein Ort zeigt die Gegensätze der indischen Gesellschaft, in der Arm und Reich immer weiter auseinander gehen und neben High-Tech-Gebieten die Armenviertel immer weiterwachsen, mehr auf als der Slum Dharavi. Mit mehr als eine Million Einwohnern ist er einer der weltweit größten Slums. Er liegt am Rande von Indiens Metropole Mumbai und stellt das Gegenteil zu der ebenfalls sehr weitentwickelten Industrie dar, die Stadt besteht quasi aus zwei Städten: Boombay und Slumbay.

Der Alltag in diesem Slum ist ein täglicher Kampf um das eigene Überleben und das der Familie. Ein Leben, das für uns kaum vorstellbar ist, denn fließendes Wasser, eine Toilette und ausreichende Lebensmittelversorgung sind für uns selbstverständlich. Doch wie wäre es, einmal so zu leben? Wie sieht das Leben hinter den Fassaden unserer heilen Welt aus?

Niemand, der nicht selbst in einem Slum aufgewachsen ist, kann uns diese Frage beantworten. Und niemand, der nicht Tag für Tag um seine Existenz kämpfen muss, weil zwischen Dreck und Abfällen kein Platz für ein Haus mit Dach und Wasser ist, kann nachempfinden, was Menschen dort erleben müssen.

Und doch versuchen Reiseanbieter einen Einblick in die wachsende Armut der Länder zu geben, indem sie Touristen durch die Armenviertel führen, um ihnen die verschiedenen Facetten eines Slums deutlich zu machen. Die Idee des Slumtourismus stammt aus dem London des 19. Jahrhunderts. Es wurde zur großen Attraktion, als Bürger der oberen Mittelschicht die Armenviertel zu besuchen oder schwarze Arbeiterviertel zu durchqueren. Als nach der Jahrtausendwende mehrere Filme das Leben in Slums darstellten, errang die besondere Form des Tourismus immer mehr Aufmerksamkeit. Spätestens als 2008 der Film „Slumdog Millionaire“ über die Slums Mumbais berichtete, wurden die geführten Touren durch die Armutszentren zum Trend.

Der Slumtourismus entwickelte sich immer weiter in viele verschiedene Richtungen. Zwar gibt es keine eindeutige, klare Trennung, doch meistens wird anhand der Zielgruppe unterschieden. Eine Form bildet das Bereisen der Slums zur Weiterbildung und zum Sammeln neuer Informationen. Und auch Journalisten besuchen diese, um in Zeitungen und Magazinen darüber informieren und berichten zu können. Natürlich gibt es auch hier Menschen, die allein ohne Reiseanbieter oder Organisation in die Armenviertel reisen.

Der größte Teil des Slumtourismus wirbt jedoch mit geführten Touren durch bekannte Slums, die selten länger als vier Stunden dauern, und eine Abwechslung zu dem gewöhnlichen Tourismus in einer Stadt geben sollen. Es wird mit einem realistischen Einblick in das Leben der Bewohner geworben oder dem Spendenanteil des Tickets für die Unterstützung des jeweiligen Slums.

Eine solche Tour habe ich mir näher angesehen. Mit einem Tiefpreis von 19,03 Euro und einer Dauer von zwei Stunden stellt die „Dharavi Slum Tour Privat“ ein attraktives Angebot auf Englisch für Touristen in Mumbai dar. Sie soll die Vorurteile eines Slums widerlegen und auf die vielen verschiedenen Facetten des Slums aufmerksam machen. Der Guide, selbst ein Slumbewohner, lädt danach zu einem Mittagessen mit seiner Familie ein. Hier wird auf dem Boden und mit Händen gegessen. Neben vielen weiteren Angeboten, wie dem Erlernen von Töpfern, liegt der Fokus besonders auf der Slumindustrie, bestehend aus Kunststoffrecycling und Lederverarbeitung. Eine nahezu romantische Vorstellung, doch entspricht dies noch der Realität oder ist es eine Beschönigung der dramatischen Zustände in den Armutszentren?

Anders sehen Touren zu Informations- und Studienzwecken aus. Hier verbringen die Teilnehmer oft mehrere Tage in den Slumgebieten und arbeiten an konkreten Projekten zur Entwicklungshilfe, bspw. in Nähereien oder Krankenstationen.

Doch geht es bei solchen Touren tatsächlich um Entwicklungshilfe oder sind es auch hier nur neugierige Touristen, die auf ein kulturelles Abenteuer warten? Die Nachfrage nach Touren durch Armenviertel wird jedenfalls immer größer und mit ihr der Konflikt, ob dies ethisch zu verantworten sein. Ein klares Ja oder Nein gibt es in diesem Fall meiner Meinung nach nicht, weshalb ich im Folgenden näher darauf eingehen möchte.

Ein erster wichtiger Aspekt ist, dass durch das Besuchen der Slums viele Spendengelder zusammenkommen und somit Kinder eine Möglichkeit zur Bildung erhalten, Hütten überarbeitet oder Sanitäranlagen errichtet werden können. Der Slumtourismus ist ein wichtiger Auslöser für Spenden oder Hilfsprojekte, denn durch den Besuch in den Armenvierteln sind die Touristen dem Elend ganz nahe und möchten helfen, um etwas Gutes zu tun. Aber dieser Aspekt ist dennoch mit Vorsicht zu genießen, denn oft geht der ganze Profit an die Reiseanbieter und nur die Menschen in den Slums, die Essen, Kleidung oder Souvenirs an Touristen verkaufen, haben die Möglichkeit, einen geringen Verdienst zu machen. Hier ist es besonders wichtig, eine transparente Organisation zu wählen, um genau nachvollziehen zu können, wohin das Geld einfließt.

Ein weiterer wichtiger Punkt für den Slumtourismus ist die Auswirkung des regelmäßigen Besuchs auf die Slumbewohner. Denn all die Touristen führen den Menschen dort wieder und wieder vor Augen, dass eine ordentliche Bildung den Ausbruch aus der Armut bedeuten kann. Die Touristen geben in gewisser Weise den Anstoß zur Selbsthilfe. Doch haben diese Menschen überhaupt eine realistische Chance, aus dem Armutskreis auszubrechen? Können sie sich selbst helfen oder ist der Spalt zwischen dem Leben der Touristen und den Bewohnern zu groß für einen Absprung? Führt es nicht vielmehr zu Ohnmachtsgefühlen und Frustration oder sogar zu Aggressionen, jeden Tag erneut die ungerechte Verteilung der Chancen und Güter zu sehen?

Dennoch wird oft behauptet, dass man bspw. bei einer Stadtführung alle Facetten des Ortes zeigen möchte. So wäre es in gewisser Weise ein Leugnen der Existenz derer, die in Armenvierteln leben, wenn die Slums ausgespart werden würden. Denn genau wie das Hightech-Viertel gehört auch der Slum zu der jeweiligen Stadt. Niemand lebt gern in Armut, doch es ist sehr schwierig, dort heraus zu kommen. Umso wichtiger ist es, diese Menschen zu unterstützen und nicht vorurteilsbehaftet zu ignorieren. Womit ich zu meinem nächsten Punkt komme:
Auf beiden Seiten der Gesellschaft herrschen Vorurteile, doch das Wichtige ist, diese zu widerlegen und auf falsche Informationen hinzuweisen, um Missverständnisse aufzuheben, denn sonst wird die Schere zwischen Arm und Reich immer größer. Den Bewohnern der Slums ist es wichtig, zu zeigen, dass sie ihr Schicksal oft nicht selbst zu verschulden haben und sich nicht damit abfinden, aber es ein täglicher Kampf ist, nur zu überleben, ohne einer ausreichenden Lebensmittelversorgung, genug Wasser und saubere Sanitäranlagen. Außerdem wollen sie deutlich machen, dass das Leben in Slums nicht nur düster ist, auch hier wird getanzt, gesungen und gelacht.

Doch gelingt dieses mit einem kurzen Urlaubstrip, einem Reiseanbieter, der oft nur auf Profit aus ist, oder ist es in gewisser Weiser nur „Social Bungee-Jumping“, bei dem die Besucher nur kurz in die elende Welt anderer eintauchen, um danach wieder in das alte Leben zurückzukehren und genauso weiterzumachen wie bisher? Werden nicht durch so kurze Trips die Vorurteile nur noch weiter bestärkt? Die Touristen haben ihr Urteil gebildet und Erwartungen aufgestellt. Wie soll innerhalb von zwei Stunden all das aufgeräumt und widerlegt werden? Ist es nicht doch vielmehr die Neugier, in das Leben anderer Kulturen einzutauchen, die man letztendlich wie eine Attraktion bewertet und in eine Schublade steckt? Touristen dringen in die Privatsphäre anderer Menschen ein, beobachten und fotografieren diese.

Ist das noch eine Tour zur Entwicklungshilfe? Oder werden die Menschen dort viel mehr wie Zootiere besucht? Eingesperrt in Vorurteilen und ihrer Armut. Ist das nicht vielmehr eine Menschensafari auf der Jagd nach kulturellen Unterschieden und einem menschlichen Abenteuer? Wird den Slumbewohnern ein Verhalten gegenübergebracht, das ihre Würde nicht verletzt und sie als Menschen nicht weniger werten lässt?

Meiner Meinung nach gibt es beim Thema Slumtourismus eine eindeutige Grenze zwischen Safarifahrt und Entwicklungshilfe. Ich finde, jedem Menschen muss ein Verhalten gegenübergebracht werden, dass ihn nicht bewertet, verurteilt oder bloßstellt. Niemals darf ein Bewohner vorgeführt oder übergriffig behandelt werden, denn auch er hat ein Persönlichkeitsrecht. Die Slumbewohner sollten niemals wie Zootiere in einem Käfig angestarrt, belächelt oder fotografiert werden. Vielmehr sollte der Fokus auf einem greifbaren Projekt liegen, an dem sich Touristen durch Taten oder Spenden beteiligen können. So wäre die Gefahr, dass Spenden nicht den Slum erreichen, geringer und man kann genau nachvollziehen, wo man hilft. Die Besucher sollten tiefgründig in die kulturellen Unterschiede und Situation eingeführt werden, so dass sie nicht nur oberflächlich über das Leben der Slumbewohner informiert sind. Außerdem wird den Menschen so bewusst, wie es wirklich ist, in einem Slum zu leben, dort zu arbeiten und zu überleben.

Zudem sollten Touren immer geführt, organisiert und zivilisiert ablaufen, so dass die Touristen kontrolliert werden und ein menschenwürdiges Verhalten gegenüber den Bewohnern gewährleistet ist. Niemals sollte ein Tourist unerlaubt eine Hütte betreten, nur weil eventuell kein Schloss die Tür verriegelt, denn auch diese Menschen haben ein Recht auf Privat- und Intimsphäre. Denn auch wenn diese Menschen zwischen Wellblechhütten, Schmutz und Abfall leben, sind sie immer noch Menschen genau wie wir, die es verdient haben, respektvoll behandelt und akzeptiert zu werden!

Quellen:

Autorin: Tourism Concern, Übersetzung aus dem Englischen: Jaqueline Hefti (08. August 2013)
Armut als Touristenattraktion
https://www.fairunterwegs.org/news-medien/news/detail/armut-als-touristenattraktion/ (24.04.2020)

Autor: Nicolas Alejandro Scharnow (08. Dezember 2018)
November: "Slumtourismus"
https://www.uni-potsdam.de/de/romanistik-kimminich/inhalte/begriff-des-monats/slumtourismus.html (24.04.2020)

Autor: Niclas Sulzenbacher (24. Juni 2014)
Slum Tourismus – Ethisch verwerflich oder ein touristischer Beitrag zum interkulturellen Verständnis
https://monami.hs-mittweida.de/frontdoor/deliver/index/docId/4589/file/Bachlorarbeit_Niclas_Sulzenbacher.pdf
(24.04.20)

Autorin: Heidi Diehl (12. März 2013)
Slumtourismus: Für und Wider
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1004809.slumtourismus-fuer-und-wider.html(24.04.20)

Autor: Maximilian Reichlin (28. März 2014)
Slumtourismus Menschensafari oder Entwicklungshilfe
https://uni.de/redaktion/slum-tourismus(24.04.20)

Autorin: Johanna Uchtmann (18. November 2014)
Der Ort des Anderen
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/reise/slumtourismus-der-ort-des-anderen/9083424.html (18. November 2014)

Autor/in: u.A. (23. November 2014)
Voyeurismus oder Entwicklungshilfe? Wieso der Slumtourismus boomt
https://www.rundschau-online.de/ratgeber/reise/-zwischen-voyeurismus-und-entwicklungshilfe-slum-tourismus-boomt-2797916(24.04.20)

Autorin: Julia Meschkank (o. J.)
Dharavi – Ein Ort der Armut?
https://publishup.uni-potsdam.de/opus4-ubp/frontdoor/deliver/index/docId/5774/file/pgp04.pdf(24.04.20)

Autor: Studiosus Reisen, übermittelt durch News aktuell (12. Februar 2015)
Slumtourismus: Geschäft mit der Armut oder Hilfe zur Selbsthilfe?
https://www.presseportal.de/pm/40194/2948477(24.04.20)

 

Letzte Änderung am

Impressum

Ursulaschule Osnabrück

Kleine Domsfreiheit 11-18
49074 Osnabrück
Telefon: 0541 - 318701
Fax: 0541 - 318711
Email: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Schulleiterin

Daniela Boßmeyer-Hoffmann

Schulträger

Schulstiftung im Bistum Osnabrück
Domhof 2
49074 Osnabrück

Zufällig

  • 1
  • 2
  • 3
Zurück Vor
Big Band im Impro-Fieber!

Big Band im Impro-Fieber!

Einen ganzen Tag lang setzte sich die Big Band der Ursulaschule mit dem Thema „Improvisation“ auseinander....

Weiterlesen
Rathausführung

Rathausführung

In der europäischen Geschichte spielt unser Osnabrücker Rathaus eine gar nicht mal so unwichtige Rolle. Von...

Weiterlesen
Abitur 1989 – 30 Jahre danach!

Abitur 1989 – 30 Jahre danach!

Am 15. Juni 2019 war es wieder soweit: Das nun schon dritte Abi-Nachtreffen im Fünf-Jahres-Rhythmus der...

Weiterlesen

Neu

  • 1
  • 2
  • 3
Zurück Vor
Julius-Club 2020

Julius-Club 2020

Vom 3. Juli bis zum 3. September 2020 fand in der Kinder- und Jugendbibliothek Osnabrück sowie...

Weiterlesen
Der Klimawandel vor Ort

Der Klimawandel vor Ort

Am Dienstag, 15. September 2020, referierte der bekannte ARD-Meteorologe Karsten Schwanke in der Aula der Ursulaschule....

Weiterlesen
DDR-Ausstellung läuft

DDR-Ausstellung läuft

Die Ausstellung „So war’s DDRüben“ ist vor gut einer Woche eröffnet worden. In 16 Geschäften und...

Weiterlesen

Beliebt

  • 1
  • 2
  • 3
Zurück Vor

Leitbild der Ursulaschule Osnabrück

Wer wir sind Das Gymnasium Ursulaschule, 1865 von Ursulinen gegründet, ist eine katholische Schule in Trägerschaft der...

Weiterlesen
"Abi Zukunft"

"Abi Zukunft"

Die Berufsorientierung der Ursulaschule nimmt ihre Schülerinnen und Schüler früh an die Hand, um Wege aufzuzeigen,...

Weiterlesen
Roboter restaurieren Tempelanlage

Roboter restaurieren Tempelanlage

Zwei Teams der Ursulaschule nahmen an diesem Wochenende am Regionalentscheid der diesjährigen World Robot Olympiad (WRO)...

Weiterlesen
Copyright © 2018 Ursulaschule Osnabrück. Alle Rechte vorbehalten.